1 · Was hereinkommt
Der Originalwortlaut der Anfrage. Nur der Vorname bleibt stehen – alles andere zur Person ist für den Workshop weder nötig noch zulässig.
Von: Victoria — Schülerin, DiplomarbeitAn: Rechercheberatung VLB
Guten Morgen,
ich suche derzeit Bücher für meine Diplomarbeit und würde gerne Ihre Hilfe in Anspruch nehmen, weil ich mir etwas schwer tue die passenden Bücher zu meinem Thema zu finden:
Stadtplanung: nachhaltige und innovative urbane Entwürfe und Visionen
Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Umbrüche, Innovationen, Urbanisierung und globalen Krisen. Ziel meiner Arbeit ist es, Visionen und geplante Projekte aus dem Bereich der Stadtentwicklung zu analysieren und zu untersuchen, inwieweit nachhaltige Konzepte in der Praxis realisierbar sind oder warum ein Projekt auf dem Papier bleibt. Des Weiteren untersuche ich, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte bei solchen Projekten beachtet werden müssen. Das Ganze untersuche ich anhand von Beispielen wie „The Line“, „Masdar City“ oder „Fives Cail Lille“.
Über Ihre Hilfe wäre ich sehr dankbar!
Vielen Dank und liebe Grüße
Victoria
Die Anfrage sagt „ich finde keine Bücher“. Das ist ein Symptom, keine Diagnose. Tatsächlich ist das Thema schon sehr gut durchdacht – es fehlt nicht an Klarheit, sondern an Vokabular: Victoria kennt ihre Fallbeispiele, aber nicht die Begriffe, unter denen eine Bibliothek Literatur dazu ablegt. Wer hier einfach eine Titelliste schickt, behandelt das Symptom.
Werkstattfrage: Woran hätten Sie erkannt, dass hier kein Themenproblem, sondern ein Begriffsproblem vorliegt?
Drei Eigennamen (The Line, Masdar City, Fives Cail Lille), eine Spannung („realisierbar oder bleibt auf dem Papier“) und ein Prüfraster (ökologisch / ökonomisch / sozial). Das sind drei fertige Suchbausteine, die man nicht erfinden muss – man muss sie nur aus dem Text herausholen. Anfragen enthalten fast immer mehr Struktur, als die Fragenden selbst darin sehen.
2 · Was zurückgeht
Die Antwort im Original, in Etappen zerlegt. Die roten Kästen sind später dazugekommen – für den Workshop, nicht für Victoria.
Von: Patrick — Fachreferat / RechercheberatungEtappe A: Einstieg und Zuschnitt
Liebe Victoria,
vielen Dank für Deine Anfrage und Dein Vertrauen in die Vorarlberger Landesbibliothek. Ich habe versucht für dein Thema eine gute Recherchestrategie zu entwickeln, und hoffe, dass ich Dir damit weiterhelfen kann.
Für deine Diplomarbeit würde ich das Thema so zuschneiden: nicht nur „Visionen der Stadt von morgen“, sondern wie nachhaltige urbane Leitbilder zwischen Entwurf, Pilotprojekt und realer Umsetzung funktionieren oder scheitern. 3 Ich orientiere mich dabei an bewährten Suchstrategien (die du sowohl in unserer Suchmaschine anwenden kannst, als auch in anderen Suchmaschinen). 4 In der VLB sind vor allem folgende Fachgebiete relevant: Architektur (KUE) und Raumordnung (WRV). 5
Gerne möchte ich Dir folgenden Recherche-„Therapieplan“ mitgeben: 6
Aus „Visionen der Stadt von morgen“ wird eine Achse: Entwurf → Pilotprojekt → Umsetzung, mit Erfolg und Scheitern als offenem Ausgang. Das ist recherchetechnisch entscheidend, weil erst dadurch Gegenbegriffe ins Spiel kommen (Realisierbarkeit, Governance, Wirtschaftlichkeit). Ohne diesen Schritt findet man nur Hochglanzliteratur über Projekte, die noch niemand gebaut hat.
Wichtig für die Haltung: Es ist ein Vorschlag im Konjunktiv („würde ich so zuschneiden“), keine Vorgabe. Die Arbeit bleibt ihre.
Der Halbsatz „auch in anderen Suchmaschinen“ macht aus einer Katalogauskunft eine Kompetenzvermittlung. Die Strategie gehört nicht dem Haus, sondern der Person – sie funktioniert im Verbundkatalog, im Fachportal und in einer Websuche genauso.
KUE (Architektur) und WRV (Raumordnung) sind kein Fachjargon zum Angeben, sondern die Antwort auf die Frage „wo im Haus steht das?“. Interessant für den Workshop: das Thema liegt in zwei Systematikstellen. Genau daran scheitert freies Suchen – die Literatur ist da, aber verteilt.
Werkstattfrage: In welchen Fachgebieten hätten Sie zusätzlich gesucht? Und mit welchem Argument?
Bewusst gesetzt und in Anführungszeichen. Es verspricht keine Heilung, sondern ein Vorgehen in Etappen, das die Patientin selbst durchläuft. Wer den Begriff im Workshop schräg findet: genau darüber lohnt sich der Streit – er ist der ganze Unterschied zwischen „hier ist deine Liste“ und „hier ist dein Weg“.
Etappe B: Kernfrage und VokabularDer Werkzeugkasten
Kernfrage
Welche Bücher und grundlegenden Fachtitel helfen dabei, nachhaltige und innovative urbane Entwürfe des 21. Jahrhunderts zu analysieren – insbesondere im Spannungsfeld von Vision, Planung, Realisierbarkeit und sozial-ökologischer Wirkung? (das könntest du ggf. eine KI wie ChatGPT oder Perplexity fragen) 7
Wichtige Suchbegriffe 8
Die Kernfrage ist gleichzeitig ein fertiger Prompt – und sie wird ausdrücklich weitergegeben. Das ist die informationstherapeutische Pointe: nicht „lass die Finger von ChatGPT“, sondern „hier ist die Frage, mit der du dort etwas Brauchbares bekommst“. Die Bibliothek liefert die Formulierungsqualität, die Sprachmodelle voraussetzen und selten selbst herstellen.
Werkstattfrage: Was müsste man dazusagen, damit die Titel, die eine KI ausspuckt, geprüft und nicht geglaubt werden?
Keine Begriffsliste, sondern vier Sorten von Begriffen mit unterschiedlicher Funktion: die Leitbegriffe bringen Treffer, die englischen Synonyme öffnen den internationalen Bestand, die analytischen Begriffe erzeugen die kritische Perspektive, die Eigennamen liefern die Fallliteratur. Wer nur Ebene 1 benutzt, findet Einführungsliteratur und sonst nichts.
Diese Vierteilung ist der Teil der Antwort, den man in jedem Fach wiederverwenden kann – sie ist das eigentliche Lernziel des Workshops.
Etappe C: Fünf SuchwegeV*Find-Links, anklickbar
Variante 1Breit
Stadtplanung/Stadtentwicklung mit Nachhaltigkeit und urbanem Design bündeln; gut für den thematischen Einstieg und Überblick.
Architektur (KUE) + Nachhaltigkeit + StädtebauVariante 2Präzise
Fokus auf Visionen, Masterpläne und Zukunftsstadt-Konzepte; gut für den Teil deiner Arbeit, der Entwürfe und Leitbilder analysiert.
Raumordnung (WRV) + Leitbilder + ZukunftsstadtVariante 3Fallbezogen 9
Konkrete Projekte direkt suchen; gut, wenn du Literatur zu The Line, Masdar City oder ähnlichen Modellstädten brauchst.
Eigennamen der Projekte, PhrasensucheVariante 4Kritisch-analytisch 10
Nachhaltigkeit mit Realisierbarkeit, sozialen/ökonomischen Aspekten und Governance koppeln; gut für den Argumentationsteil jenseits des Hochglanzrenderings. Trocken gesagt: dort, wo Städtebau wieder mit der Wirklichkeit Bekanntschaft macht (Fokus auf die Jahre 2018 bis 2026).
Umsetzung, Governance, Wirtschaftlichkeit — 2018–2026Variante 5Erweiterte Perspektive 11
Verknüpft nachhaltige Stadtvisionen mit kolonialen bzw. postkolonialen Stadtlogiken; gut, wenn du deine Fallbeispiele nicht nur technisch, sondern auch machtkritisch lesen willst.
Postkoloniale Stadtlogiken + StadtvisionenDie Reihenfolge ist nicht beliebig: breit → präzise → fallbezogen → kritisch → erweiternd. Sie bildet nach, wie eine Arbeit tatsächlich entsteht: erst Überblick, dann Zuspitzung, dann Belege, dann Argument, dann der eigene Blickwinkel. Jede Variante trägt außerdem einen Satz „gut für …“ – die Zuordnung zum Arbeitsschritt ist wichtiger als der Link.
Werkstattfrage: Welche Variante würden Sie streichen, wenn Sie nur drei schicken dürften?
Hier stecken zwei Entscheidungen im Link: Erscheinungszeitraum 2018–2026 und Ausschluss der Vorarlberg-Sammlungen. Beides ist inhaltlich begründbar – aktuelle Debattenlage, kein Regionalbestand – und beides ist zugleich eine Vorentscheidung, die Victoria nicht selbst getroffen hat. Sie wird im Text angesagt (der Zeitraum), aber nicht vollständig (der Ausschluss).
Und der Ton: „wo Städtebau wieder mit der Wirklichkeit Bekanntschaft macht“. Ironie macht eine Suchvariante merkbar – sie muss nur die Sache treffen und nicht die Person.
Variante 5 steht nicht in der Anfrage. Sie bietet einen Blickwinkel an, den die Fallbeispiele (NEOM, Masdar) förmlich verlangen, den eine Schülerin aber selten von selbst findet. Genau das ist der Punkt, an dem Rechercheberatung aufhört, Dienstleistung zu sein, und anfängt, Fachreferat zu sein.
Risiko dabei ehrlich benennen: Wer Perspektiven anbietet, beeinflusst die Arbeit. Deshalb steht sie am Ende, als Angebot – nicht an erster Stelle als Erwartung.
Die fünf Links sind auf Treffermenge kalibriert, nicht auf Buchbestand: Sie sollen überschaubar bleiben und dabei medienneutral greifen – gedruckte Titel, E-Books, Aufsätze, Buchkapitel, bei thematischer Passung auch audiovisuelles Material. Die Anfrage sagte „Bücher“, die Antwort liefert bewusst mehr, ohne es zur Belehrung zu machen.
Das ist der Unterschied zwischen einer Suche, die man abschickt, und einer Suche, die man eingestellt hat. Die Kalibrierung sieht man dem Link nicht an – sie ist die unsichtbare Handarbeit im Fachreferat.
Werkstattfrage: Wie viele Treffer sind für eine Schülerin die richtige Menge – und woran messen Sie das?
„Die Musik macht nicht das Medium, sondern die überschaubare und brauchbare Informationsmenge.“
Etappe D: AbschlussDie Tür bleibt offen
Ich hoffe, ich konnte Dir etwas weiterhelfen. Falls Du weitere Fragen hast, kannst du dich gerne wieder melden. 13
Liebe Grüße aus der Landesbibliothek
Patrick
P.S.: Die Recherche wurde mit Hilfe von KI-Tools ergänzt. 14
Der Schlusssatz kostet nichts und entscheidet viel: Er macht aus einer einmaligen Auskunft eine Beziehung, die beim zweiten Mal schneller und besser funktioniert – weil dann das Thema schon bekannt ist. Nebenbei ist es die einzige Rückkopplung, die man in der schriftlichen Beratung überhaupt bekommt.
Das P.S. steht klein am Ende und leistet trotzdem drei Dinge: Es legt den eigenen Werkzeugeinsatz offen, es entlastet die Ratsuchende davon, KI heimlich zu benutzen, und es macht die Bibliothek zu einem Ort, an dem über solche Werkzeuge geredet statt geschwiegen wird. Wer im selben Text auf ChatGPT und Perplexity verweist, muss den eigenen Einsatz mit angeben – sonst gilt eine Regel für zwei Seiten unterschiedlich.
Werkstattfrage: Wie formulieren Sie diesen Hinweis in Ihrem Haus – als Fußnote, als Standardsatz oder gar nicht?
3 · Das Muster
Was sich von diesem Fall auf jede andere Anfrage übertragen lässt.
4 · Was man zerreden darf
Kein Musterbeispiel ohne Sollbruchstellen. Diese Punkte gehören in die Diskussion – nicht als Fehlerliste, sondern als Material.
- Die Kalibrierung ist unsichtbar. Die Links sind auf eine brauchbare Treffermenge eingestellt und medienneutral gebaut – aber im Text steht das nirgends. Victoria klickt und bekommt ein gutes Ergebnis, ohne zu erfahren, dass hier jemand dosiert hat. Sagt man das dazu, oder wirkt es dann wie Eigenlob?
- Fertige Links machen unselbständig. Was passiert, wenn ein Begriff nicht passt oder ein Weg leerläuft? Die Strategie ist erklärt, die Bedienung nicht. Ein Satz dazu, wie man in der Trefferliste einen Term austauscht, würde die Übergabe vollenden.
- Vorentscheidungen im Link. Zeitfilter und Sammlungsausschluss sind sinnvoll, aber sie sind unsichtbar, sobald jemand nur klickt. Der Zeitraum wird angesagt, der Ausschluss nicht. Ab wann muss man Filter erklären, statt sie einzubauen?
- Kein Wort zur Verfügbarkeit. Fernleihe, ausgeliehene Titel, Zugang zu lizenzierten Volltexten von zuhause – nichts davon steht in der Antwort. Für eine Schülerin mit Abgabetermin ist das oft die praktisch wichtigste Information.
- Offenlegung ohne Prüfanleitung. Das P.S. nennt den eigenen KI-Einsatz, und der Verweis auf ChatGPT/Perplexity gibt eine gute Frage mit. Was fehlt, ist der halbe Satz für Victorias eigenen Gebrauch: dass ausgegebene Titel im Katalog gegengeprüft werden müssen, weil es sie sonst womöglich gar nicht gibt.
5 · Übung für alle
Rund 45 Minuten, in Kleingruppen zu dritt. Gearbeitet und abgelegt wird im Padlet – Fall, Arbeitsschritte und die Spalten für die Ergebnisse liegen dort.
Der Rechercheplanpadlet.com/5d8m5ynbgf/der-rechercheplan-4fescjucb5e6wg4dDie AnfrageAusgangspunkt der Übung
„Grüß Sie, ich schreib meine VWA über Fast Fashion. Haben Sie da irgendwas?“
Was wir sonst noch wissen
- Lena, 17, 7. Klasse AHS. Abgabe in vier Monaten.
- Die Betreuerin hat mindestens fünf wissenschaftliche Quellen verlangt und die erste Disposition zurückgehen lassen.
- Lenas bisheriger Wissensstand: eine Netflix-Doku und mehrere Reels.
- Eine Fragestellung hat sie noch nicht – sie hofft, dass sich die beim Lesen ergibt.
- Themenzuschnitt. Worum geht es hier eigentlich? Notieren Sie in einem Satz, was Sie für den Gegenstand halten und in welchen Fächern dieser Gegenstand liegt. Erst danach zum Vokabular.
- Kernfrage formulieren. Machen Sie aus „irgendwas über Fast Fashion“ eine beantwortbare Frage. Sie darf nicht mit „Was gibt es zu …“ beginnen.Prüffrage: Ist Ihre Frage in vier Monaten von einer Siebzehnjährigen bearbeitbar?
- Suchbegriffe auf vier Ebenen. Füllen Sie alle vier Ebenen, mindestens drei Einträge pro Ebene.
Ebene 4 ist die, die üblicherweise leer bleibt. Sie ist der Schlüssel zu den brauchbarsten Treffern.Ebene 1LeitbegriffeEbene 2Synonyme und englische BegriffeEbene 3Analytische BegriffeEbene 4Eigennamen und Fallbeispiele
- Boolesche Kombinationen. Bauen Sie drei Suchanfragen: eine breite, eine über Schlagwörter präzisierte, eine fallbezogene. Notieren Sie, welche Ebene Sie jeweils verwendet haben.
- Filter setzen und suchen. Legen Sie Erscheinungszeitraum, Materialart und Sprache fest. Dann setzen Sie die Suchen tatsächlich ab und notieren die Trefferzahl jeder Variante.Prüffrage: Würden Sie Lena diese Treffermenge zumuten?
- Plenum. Jede Gruppe nennt: ihre Kernfrage, ihre beste Suchanfrage, ihre Trefferzahl. Mehr nicht.