Der Grundsatz
Die meisten Recherche-Bots scheitern nicht an zu wenig Intelligenz, sondern an zu viel Zutrauen: Sie erfinden Parameter, die im lokalen System nie existiert haben, und liefern eine URL, die nach Präzision aussieht und ins Leere führt. Der Informationstherapeut ist genau dagegen gebaut.
Das Modell schlägt Begriffe vor.
Die Konfiguration baut Links.
Der Mensch entscheidet.
Daraus folgt die Arbeitsteilung, die alles Weitere erklärt: Sprachliches — Synonyme, Übersetzungen, verwandte Konzepte, Fachtermini — kommt vom Modell, denn dort ist es stark. Syntaktisches — Feldnamen, Operatoren, Fachcodes, Scopes, URL-Kodierung — kommt aus hinterlegten Dateien, denn dort halluziniert das Modell zuverlässig. Und die Auswahl bleibt bei der Person vor dem Bildschirm, weil nur sie weiß, wofür sie das Ganze braucht.
Warum „Therapeut*in“? Weil das Problem der meisten Ratsuchenden nicht Informationsmangel ist, sondern Informationsüberforderung. Die Metapher meint eine entlastende Gesprächsführung — Anamnese, Struktur, Dosierung —, keine Psychotherapie und keine Diagnose. Der trocken-ironische Anteil besteht darin, einer Suchmaschine nicht mehr Verantwortung zu übertragen, als sie verdient.
Querschnitt durch den Bot
Der Assistent besteht aus vier Schichten. Nur die oberste ist „KI“. Die drei darunter sind redaktionelle und dokumentarische Arbeit — und genau die entscheidet über die Qualität.
Systemprompt
Rolle, Ton, Gesprächsablauf, Rückfragenregel, Ausgabeformat. Legt fest, wie beraten wird — und dass zuerst geklärt und dann gesucht wird.
Hinterlegte Dateien
24 geprüfte Searchlink-Vorlagen (SSI-001 bis SSI-024) und 146 lokale Fachgebietsfilter. Kanonische Referenz für alles Technische — nicht Beiwerk, sondern Fundament.
Rangordnung & Fallback
Was gilt bei Widersprüchen? Was passiert, wenn keine Vorlage existiert? Antwort: lieber eine ehrliche boolesche Strategie plus Basislink als eine scheinpräzise URL.
Die Person am Tisch
Wählt aus den Begriffsvorschlägen, entscheidet über Breite und Enge, beurteilt das Trefferbild. Diese Schicht lässt sich nicht wegautomatisieren — sie ist der Zweck der Übung.
In der Konfigurationsoberfläche entspricht Schicht A dem Reiter „Prompts & Verhalten“, Schicht B dem Reiter „Dateien & Inhalte“. Wer nur A ausfüllt, bekommt einen eloquenten Bot ohne Bodenhaftung.
Der Systemprompt, im Original
Vier Auszüge, die zusammen erklären, warum sich der Bot anders verhält als ein allgemeiner Chatassistent. Bemerkenswert ist, wie viel davon Verbote sind.
ROLLE & STIL Du bist Fachreferent:in der Vorarlberger Landesbibliothek und agierst als "Informationstherapeut:in": du kombinierst Rechercheberatung mit einer leicht psychotherapeutisch angehauchten Gesprächsführung (Metaphern, Entlastung, Struktur, kleine Interventionen gegen Informationsüberforderung). Das ist nur ein Beratungsstil, keine Psychotherapie.
WISSENSBASIS (wichtig) Wenn eine Tabelle/Vorlage in der Wissensbasis vorhanden ist: - Nutze sie als kanonische Referenz für Parameter, Beispiele und funktionierende URL-Patterns. - Bei Widersprüchen innerhalb der Wissensbasis: funktionierende Beispiel-URLs schlagen erklärende Tabellenzeilen.
ZIEL 1. Kläre das Informationsbedürfnis (Thema, Kontext, Zweck, Tiefe). 2. Entwickle stichwortbasierte Suchräume (Synonyme, verwandte Konzepte, Personen, Orte, Zeiträume). 3. Formuliere boolesche Recherchestrategien (AND/OR/NOT) inkl. kurzer Begründung. 4. Setze diese Strategien als direkt anklickbare V*Find-Links um.
RÜCKFRAGEN-REGEL (max. 2–4, nur wenn nötig) Frage nur nach Dingen, die die Suchstrategie stark ändern: - Zweck: Überblick / wissenschaftliche Arbeit / aktuelle Debatte / Dokument - Zeitraum (z.B. "seit 2020" vs. "historisch") - Medientyp (Bücher, Artikel, Dissertationen, Zeitungen) - Sprache (DE/EN/FR) oder Region (z.B. Vorarlberg-Fokus)
Die Rückfragen-Regel ist die unterschätzteste Zeile des ganzen Prompts. Ohne sie passiert eines von zwei Dingen: Der Bot rät blind los — oder er führt vor der ersten Suche ein Aufnahmegespräch von epischer Länge. Die Obergrenze zwingt zu der Frage, die tatsächlich etwas ändert.
Rangordnung bei Widersprüchen
Eine Wissensbasis aus mehreren Dateien widerspricht sich irgendwann selbst. Deshalb gibt es eine ausdrückliche Hierarchie: Nicht jede Quelle wiegt gleich schwer. Entscheidend ist, ob ein Muster als funktionierender Link dokumentiert ist oder nur als plausible Erklärung.
| Rang | Quelle | Handlungsregel |
|---|---|---|
| 1 | Funktionierender Searchlink | Exakt übernehmen. Parameter nicht kreativ neu ordnen. |
| 2 | Dokumentierte Kombivorlage | Bevorzugen, statt mehrere Einzelmuster selbst zu verschalten. |
| 3 | URL-Baukasten, Mechanikerklärung | Zum Verständnis nutzen; Umsetzung gegen die Searchlinks prüfen. |
| 4 | Rekonstruierte Logik (XLSX/JSON) | Nur mit Transparenz und möglichst mit Funktionstest. |
| 5 | Allgemeine Primo-Erfahrung | Letzte Orientierung. Keine lokalen Parameter daraus ableiten. |
Rang 5 ist der Punkt, an dem die meisten selbstgebauten Bibliotheks-Bots kippen: Was ein Sprachmodell über Primo „weiß“, stammt aus fremden Installationen. Lokale Scopes, Facettennamen und Fachcodes sind Hauskonfiguration — sie lassen sich nicht erschließen, nur nachschlagen.
Sechs Phasen einer Beratung
Der Ablauf ist fest, aber nicht starr. Er bildet nach, was am Auskunftsplatz ohnehin passiert — nur ausgesprochen.
| # | Phase | Kernhandlung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1 | Check-in | Ziel, Dringlichkeit, gewünschte Breite | 1–2 Sätze |
| 2 | Strategische Rückfragen | Zweck, Zeitraum, Medientyp, Sprache | 0–4 Fragen |
| 3 | Strukturierung | Kernbegriff, Must-have, Ausschlüsse | ein Suchmodell |
| 4 | Keyword-Cluster | Leitbegriffe, Synonyme, Namen, Konzepte | 2–4 Cluster |
| 5 | Suchvarianten | breit, präzise, Recall, Noise-Reduction | 2–4 Strategien |
| 6 | Link & Mini-Triage | anklickbare Links plus nächste Schritte | 2–4 Links |
Mini-Triage: was nach der ersten Suche passiert
Eine Beratung endet nicht mit der Trefferliste. Der Bot liefert deshalb immer den nächsten Handgriff mit — das ist der Teil, der Nutzer:innen selbständig macht.
| Situation | Nächster Schritt |
|---|---|
| Zu viele Treffer | Phrase, zusätzliches AND, Feldsuche, eine Facette oder ein Zeitraum |
| Zu wenige Treffer | OR-Synonyme, weniger AND, NOT entfernen, trunkieren, Scope erweitern |
| Viel Irrelevantes | Erst das typische Falschpositiv benennen — dann erst NOT setzen |
| Keine Artikel | Artikel+/CDI anbieten, Volltext-Toggle prüfen, englisch erweitern |
Vier Varianten statt einer Wahrheit
Der Bot liefert nie die Suche, sondern zwei bis vier bewusst unterschiedliche Suchwege. Jede Variante verfolgt einen erkennbar anderen Zweck — sonst ist es keine Variante, sondern eine Wiederholung.
Breit
Hoher Recall. Gut, um überhaupt erst das Vokabular des Themas zu lernen.
(A OR B OR C)Präzise
Kernset statt Streuung. Konzepte müssen gemeinsam vorkommen.
"A" AND "B"Recall-Boost
Macht sichtbar, was unter anderer Benennung existiert: Sprachen, Schreibvarianten, Endungen.
A* OR B* OR EN-TermNoise-Reduction
Ein einziger, konkret benannter Störtreffertyp fliegt raus. NOT wirkt global — deshalb sparsam.
(A AND B) NOT CAnti-Overload-Regel
Pro Suchvariante höchstens eine Sortierung und eine Facette. Komplexere Kombinationen nur, wenn sie als funktionierende Kombivorlage dokumentiert sind. Der Grund ist didaktisch, nicht technisch: Wer sechs Filter gleichzeitig setzt, weiß hinterher nicht, welcher davon die Treffer gekostet hat.
Werkbank: das Prinzip zum Anfassen
Hier läuft kein Sprachmodell. Alles, was Sie eingeben, wird nach denselben Regeln in Strategien und V*Find-Links übersetzt, die auch der Bot befolgt — reine Syntax, nachvollziehbar, offline. Genau das ist die Aufgabenteilung: Die Begriffe rechts unten hätte das Modell geliefert; der Rest ist Handwerk.
Die Fachcodes stammen aus der lokalen Konfiguration der VLB (146 Filter über 30 Fachgebiete). Sie sind stärker als ein zusätzliches Stichwort: Sie schränken disziplinär ein. Bei interdisziplinären Themen sind deshalb zwei getrennte Varianten meist besser als eine harte UND-Kombination beider Codes.
Die Ampel des Linkbaus
Jeder URL-Parameter bekommt eine Vertrauensstufe. Der Bot darf grün jederzeit verwenden, gelb nur mit passender Vorlage — und rot gar nicht.
Grün · frei verwendbar
Basis-URL, ein query=, dokumentierte Feldsuche, Standardparameter.
vid=VLB · lang=de_DE · any,containsGelb · nur mit Vorlage
Sortierung, Facetten, Artikel+/Katalogscope, mehrere query=-Bausteine.
pfilter · mfacet · search_scopeRot · niemals automatisch
Frei erfundene Filterkombinationen und doppelt kodierte Suchterme.
%25C3%25A4 · %2520Was er ausdrücklich nicht tut
Ein Werkzeug wird durch seine Grenzen brauchbar. Diese Liste steht so in der Konfiguration — sie ist Teil der Funktion, nicht das Kleingedruckte.
- Keine Diagnose von Nutzer:innen, keine psychotherapeutische Intervention. Die Metapher bleibt Metapher.
- Keine frei erfundenen lokalen Parameter, Facetten oder Scopes.
- Keine maximal komplexe URL nur deshalb, weil sie technisch eindrucksvoll aussieht.
- Keine ungebremste Begriffsliste ohne Priorisierung — Vorschläge werden geordnet, nicht geschüttet.
- Keine stillschweigende Korrektur verdächtiger Quelldaten. Auffälligkeiten werden markiert.
- Kein Ersatz für die fachliche Beurteilung der Treffer. Das bleibt Arbeit.
Lieber eine korrekte Strategie plus Basislink als eine scheinpräzise Spezial-URL.
Selber bauen: zehn Schritte
Das Prinzip ist nicht an die VLB gebunden. Wer einen Rechercheassistenten für das eigene Haus aufsetzt, arbeitet diese Reihenfolge ab — und merkt schnell, dass der KI-Anteil der kleinste ist.
- Funktionierende Links sammeln. Nicht beschreiben, wie die Suche funktioniert — echte, getestete URLs exportieren. Das ist die Wissensbasis.
- Lokale Codes exportieren. Fachgebietsfilter, Scopes, Facettennamen aus der Systemkonfiguration ziehen, nicht aus der Erinnerung.
- Daten bereinigen, bevor der Bot sie sieht. Doppelkodierungen, fehlende Defaults, Schreibfehler. Ein Bot vervielfältigt jeden Fehler geduldig.
- Unklares als unklar kennzeichnen. Was fachlich strittig ist, bekommt eine Markierung statt einer stillen Korrektur.
- Rangordnung festlegen. Welche Quelle gewinnt bei Widerspruch? Ohne diese Regel entscheidet der Zufall der Formulierung.
- Rolle und Ton schreiben. Kurz, konkret, mit Beispielsätzen. Der Ton bestimmt, ob Menschen nachfragen oder abbrechen.
- Rückfragen deckeln. Zwei bis vier, und nur solche, die die Strategie tatsächlich ändern.
- Ausgabeformat als Vertrag. Cluster, Strategien, Links, nächster Schritt — immer in derselben Ordnung. Verlässlichkeit ist eine Funktion.
- Fallback definieren. Was tut der Bot, wenn keine Vorlage passt? Wenn diese Antwort fehlt, erfindet er etwas.
- Testfälle festhalten. Umlaut, Phrase, Feldsuche, Fachcode, Spezialscope. Nach jeder Änderung einmal durchklicken.
Die Pointe für den Workshop: Von diesen zehn Schritten sind acht klassische dokumentarische Arbeit — Erschließen, Normieren, Prüfen, Dokumentieren. Das Sprachmodell übernimmt einen einzigen Handgriff: Es liefert Begriffe. Es ist ein Begriffslieferant, keine Antwortinstanz. Wer diesen Unterschied setzt, baut Werkzeuge, die auch dann noch stimmen, wenn das Modell gewechselt wird.